Alkoholsucht kann jeden treffen – die Diakonie NAH e.V. hilft
15.09.2026 – Neumarkt
Alkoholsucht – dabei denken viele: Das sind die Menschen, die obdachlos auf der Straße leben, das hat nichts mit mir zu tun. Aber Alkoholsucht kann jeden treffen. Willy F. ist 65 Jahre alt (Name auf Wunsch anonymisiert), war 43 Jahre im öffentlichen Dienst in einem Krankenhaus tätig. Er war verheiratet, hatte zwei Töchter, ein Haus, einen Garten – ein gutes, zufriedenes Leben. Doch dann änderte sich seine Situation. Seine Mutter, die allein in ihrem Haus mit großem Garten lebte, wurde dement. Da seine Schwester weit weg wohnte, war Willy F. derjenige, der sich kümmerte, immer öfter und immer länger. Er übernahm die Pflege, den Haushalt und den Garten – jeden Tag nach der Arbeit. Um danach erst einmal „runterzukommen“, trank er Alkohol, ehe er nach Hause ging. Auch sein damals engster Freund, mit dem er zusammenarbeitete, bot ihm immer wieder Alkohol an. Wenn sie gemeinsam etwas unternahmen, war Alkohol dabei. So wurde das Trinken zunehmend zu einem festen Bestandteil seines Alltags. Irgendwann konnte Willy F. die Pflege seiner Mutter nicht mehr übernehmen und sagte: „Ich kann nicht mehr.“ Sie kam in ein Altenheim und wurde dort gut und liebevoll betreut. Doch bei jedem Besuch sagte sie zu ihrem Sohn: „Nimm mich wieder mit.“ Diese Situation belastete ihn sehr. Hinzu kamen weitere belastende Ereignisse am Arbeitsplatz. All diese Erfahrungen setzten ihm zu. Wieder wurde Alkohol zu seiner vermeintlichen Beruhigung. Er trank eine Flasche Wein im Park, „wie die Sandler“, aber auch zu Hause trank er heimlich und versteckte seine Vorräte, die seine Frau irgendwann doch fand. „Ich war nie aggressiv“, sagt Willy F. Sein Verhalten hatte sich dennoch verändert, und auch beruflich war er nicht mehr so belastbar. Er suchte Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern. Seine Frau besuchte eine Gruppe für Angehörige und lernte dort, Grenzen zu setzen. Auch sein damaliger Hausarzt erkannte die Situation klar. „Sie brauchen mich nicht anzulügen, Sie sind Alkoholiker“, sagte er zu Willy F. und unterstützte ihn dabei, eine Entwöhnungsbehandlung in Bad Neustadt zu beginnen. Nach dem ersten Aufenthalt in der Klinik in Bad Neustadt kam Willy F. zurück und glaubte, nun kontrolliert trinken zu können. Das gelang ihm nicht. Schon nach kurzer Zeit wurde ihm klar, dass er die Kontrolle über den Alkohol nicht zurückgewonnen hatte. Er ging deshalb ein zweites Mal zur Entwöhnungsbehandlung nach Bad Neustadt. Doch auch danach blieb die Situation schwierig. Willy F. konnte nicht mehr arbeiten und beantragte eine Erwerbsminderungsrente, bis er mit 67 Jahren in die Altersrente gehen wird. Er verbrachte viel Zeit im Wald, die Natur tat ihm gut, und er machte dort Holz. Von seinem damaligen Freund, mit dem er früher viel unternommen hatte und der ihn immer wieder zum Trinken animiert hatte, sagte er sich los. Aber dennoch hatte seine Sucht ihn inzwischen schwer im Griff. Er litt unter Erbrechen und Durchfall und lebte drei Tage in seinem Auto. „Es war eine unwürdige Situation“, sagt Willy F. Schließlich kam Willy F. mit dem Verdacht auf einen Norovirus ins Krankenhaus und wurde unter Quarantäne gestellt. Durch den starken Flüssigkeitsverlust hatte er ein Nierenversagen erlitten. Eine Ärztin fragte ihn, ob er trinke. „Nein“, log er. Doch die Ärztin ließ sich nicht täuschen, denn seine Leberwerte sahen anders aus. Sie fragte ihn, wie lange er noch leben wolle, und forderte ihn auf, mit dem Trinken aufzuhören. Nun war ihm klar, dass er so nicht weitermachen konnte. Mit der Diakonie NAH hatte er bereits zuvor immer wieder Kontakt gehabt. Sie vermittelte ihm schließlich einen weiteren Aufenthalt in einer anderen Entwöhnungsklinik. Diesmal war es anders. „Mein Bezugstherapeut sagte zu mir: Machen Sie es für sich, nicht für andere.“ Nach acht Wochen kam Willy F. zurück – trocken. Und diesmal blieb er es. Seit 2024 ist er in der Nachsorge bei der Suchtberatung der Diakonie NAH und nimmt dort Gespräche in Anspruch. „Es tut mir gut, hier regelmäßig zu sein. Das gibt mir Kraft. Frau Nadine Braun und das ganze Team hier helfen mir.“
Die Sucht hatte für Willy F. weitreichende Folgen. Seine Frau trennte sich von ihm, er verlor das Haus. Seine erwachsenen Töchter haben den Kontakt zu ihm abgebrochen, seine Enkelkinder sieht er nicht. Nadine Braun: „Er hat so viele Veränderungen und Brüche erlebt. Es ist bemerkenswert, wie viel Klarheit und Motivation für seinen abstinenten Weg er heute hat,“ und sie fährt fort: „Der Weg, den Herr F. geht, kann auch anderen Menschen Mut machen, die ebenfalls schwere Belastungen erlebt haben und in eine Abhängigkeit geraten sind. Manchmal braucht es mehrere Anläufe, aber Therapie und Beratung können in vielen Fällen eine Verbesserung bewirken.“

Foto (Iris Lederer) Nadine Braun (Suchtberatung Diakonie NAH e.V.), Willy F.